42 olympische Hahner-Kilometer und das mediale Gegacker danach

Vorbild für die Hahner-Twins? Mein Lauf-Buddy Jörg und ich beim Zieleinlauf. // Foto: Sauerland Höhenflug

Huch, da hätte ich doch heute Morgen fast mein Chia-Müsli, okay vielleicht war es auch nur eine Nutella-Stulle erbrochen, als ich in der Facebook-Gruppe „Laufen in NRW“ über ein Posting mit „ (…) Stolz und Ehre für Deutschland (…)“ gestolpert bin. Mit so einem überzogen nationalgetränkten Gefasel meinte tagesspiegel-Kolumnist Mike Kleiß für seinen aktuellen Beitrag zum Auftritt der Zwillinge Lisa und Anna Hahner beim Olympia-Marathon am letzten Sonntag trommeln zu müssen. Wie kommentiert es Twitter-User „buzze“ so schön: „Medien, die über nichts anderes mehr schreiben als die Hahner-Zwillinge, beschweren sich, dass die beiden zu viel Aufmerksamkeit bekommen.“

Jubeln mit Veit auf Fuerteventura // Foto: privat

Jubeln mit Veit auf Fuerteventura // Foto: privat

Die Ausgangssituation ist bekannt. Die Hahners liefen in Rio weit über ihrer persönlicher Bestzeit abgeschlagen von der Spitze auf 80+ Plätzen ein. Das macht man ihnen allerdings weit weniger zum Vorwurf, als dass die beiden es wagten, nach dieser Leistung Hand-in-Hand mit einem Lächeln im Gesicht über die Ziellinie zu flanieren. Läufer-Deutschland ist gespalten. War das jetzt sympathisch oder etwa vor allem unangebrachte Eigen-PR?

Ich hätte meine Meinung dazu bis auf einen harmlosen Tweet vor zwei Tagen ja gerne für mich behalten, aber dann fiel mir das Posting von Kleiß in die Timeline. Nun gehört es zu einer Kolumne dazu, dass der Autor eine klare Position vetritt. Soweit okay. Nur beginnt schon mit dem Facebook-Hinweis auf den eigentlichen Beitrag mein Unverständnis. „Danke an Sabrina Mockenhaupt. Für klare Worte. Deinen Mut. Deine Haltung. Und dein verdammt großes Herz“, säuselt Kolumnist Kleiß der Langstreckenläuferin entgegen, die im Anschluss an den Auftritt der Hahners Kritik geäußert hatte. Es folgt noch der Hinweis, dass es morgen das große Exklusivinterview mit „Mocki“ von ihm gebe. Der Mehrwert zum aktuellen Thema darf bezweifelt werden. Aber Hauptsache man kann sich schonmal im Vorfeld damit rühmen. (Update: Sabrina Mockenhaupt hat das angekündigte Interview zurückgezogen. Nach Aussage von Mike Kleiß als Reaktion auf Netzkritik an der in der Kolumne zitierten Aussagen Mockenhaupts.)

Die eigentliche Kolumne mit dem Titel „Liebe Hahner-Zwillinge, Marathon ist kein PR-Getue!“ reiht sich dann vom Niveau her bestens in die Ankündigung ein. Von „Hahner-Theater“ ist da die Rede und von „werblicher Inszenierung“.
Einmal warm geschrieben, ist Kleiß, von Haus aus PR-Berater, kaum mehr zu bremsen. „Olympia ist Blood, Sweat & Tears. Und kein Händchen-Halt-Mädchen-Gedöns“. Was für ein testosterongesteuerter Schwachsinn. Und dann auch noch garniert damit, dass die Aktion der Hahners den Auftritt der schnellsten Deutschen Anja Scherl in den Schatten stellen würde. Auf die Idee, seine Kolumne mal einfach der Person Anja Scherl zu widmen, kommt Kleiß natürlich nicht, wo wir wieder beim eingangs zitierten Umstand wären, sich in den Medien darüber aufzuregen, dass die Medien zu viel über die einen und zu wenig über die andere berichten.

Über Michael (17 Artikel)
"When you´re running, it´s life. Anything that happens before or after is just waiting" ...as Steve McQueen didn´t say

2 Kommentare zu 42 olympische Hahner-Kilometer und das mediale Gegacker danach

  1. Die Kritik an den Medien ist berechtigt. Würden diese über Anja schreiben wäre es besser. Dennoch darf man den Grundgedanke nicht vollends ausblenden. Die Damen “Sportunternehmerinnen” (wie sie sich selbst bezeichnen) laufen um Geld zu verdienen (Berlin statt EM zum Beispiel) und das ist okay. Andere Sportler und andere Sportarten machen sies noch viel mehr. Es ist auch voll okay in Rio nicht die beste Leistung abzurufen, wenn es nicht geht. Was jedoch nicht geht ist die Art. Wer lächelnd ins Ziel einläuft hat einfach nicht alles gegeben. Wer dabei dann noch Händchen hält, aus welchen Gründen auch immer, suggeriert ein falsches Bild. Ein falsches Bild in der breiten Öffentlichkeit. Ich gehe jeden Tag zwischen 8 und 10 Stunden arbeiten und trainiere anschließend hart um Marathon zu laufen. Seit dieser Aktion halten die Menschen, die diesen Sport nicht betreiben, Marathon für ein Kinderspiel oder gar einen Witz. Die Leistungen von uns Hobbyathleten wird dadurch nicht mehr Ernst genommen und so wir einem ein Bärendienst aufgebrummt, den Sport den man liebt, wieder ins richtige Licht zu rücken. Nämlich dass Marathon nicht lächelnd ins Ziel hüpfen ist, sondern ein 42km langer Kampf mit dem innerem Schweinehund und der Straße.

  2. Hallo Niklas,
    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Völlig okay, dass nicht alle einer Meinung über die Einlauf-Geste sind. Als Pro-Argument führe ich mal an, dass der Einlauf auf dem “Weltbild” zu sehen war und so dt. Läuferinnen einen sympathischen Eindruck im Ausland hinterlassen haben. Ich denke auch, dass man sich generell nicht anmaßen sollte, über die Herausforderung eines Marathons zu urteilen, wenn man selbst nicht die Füße von der Couch nimmt. Alles Gute weiterhin beim Kampf gegen den Schweinehund. Michael

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