Auf dem Dach Portugals: 46km Estrela Trail Sky Marathon

Ich schaue auf die Uhr. Vier Stunden bin ich jetzt schon unterwegs. Solange habe ich im März beim Treviso Marathon nicht gebraucht. Stattdessen bin ich dort knapp unter der für mich „magischen“ Marke geblieben. Jetzt aber befinde ich mich in Portugal. Und als ich die Vier-Stunden-Marke überschreite, bin ich gerade mal einen halben Marathon unterwegs. Und das aus gutem Grund, denn die Strecke ist bis hierhin mit über 1500 Höhenmetern garniert. Willkommen beim Estrela Trail Sky-Marathon.

Start- und Zielort Manteigas

Start- und Zielort Manteigas

Die Basisdaten waren vorab klar: 46 Kilometer und 2200 +/- Höhenmeter. Zwei Marathons bin ich bis dato gelaufen. Vor eineinhalb Jahren in Esssen und eben im Frühjahr in Italien. Außerdem vor ein paar Wochen einen Halbmarathon in Wuppertal mit 800 Höhenmetern. Das hier aber ist anders.

Ich habe Respekt vor der Distanz und vor allem vor der Höhe. Kleine Anstiege habe ich in den letzten sechs Monaten in den Essener Ruhrauen fitter und fitter bewältigt. Aber hier geht es zwischen Kilometer 0 und 10 gefühlt 9,7 km und in der Tat rund 700 Höhenmeter erstmal nur bergauf. Und dann folgen noch 35 Kilometer. Ich gehöre nicht zu schnellsten, ambitioniertesten und fleißigsten Läufern, aber wenn ich eins gut kann, dann mein Leistungsvermögen gut einschätzen. Und so laufe ich die ersten zehn Kilometer nicht, sondern ich gehe sie. Sonst könnte ich am ersten Verpflegungspunkt kräftig durchatmen und zum Start in Manteigas zurücktrotten. Akku alle. Lauf vorbei.

Auf dem Weg zum "Torre" (im Hintergrund)

Auf dem Weg zum “Torre” (im Hintergrund)

Stattdessen ist es nach dem VP1 endlich mal flach. Okay, es geht seitlich über die Treppe einer Staumauer und ich sollte möglichst nicht runterfallen, aber das ist tatsächlich noch locker und kein Vergleich zu dem, was noch folgen sollte. Erstmal vor allem wieder positive Höhenmeter. Bis zum höchsten Punkt des Estrela Trails, der mit dem Gipfel des „Torre“ gleichzeitig der höchste Punkt Portugals ist, kommen auf 24km Länge satte 1600 Höhenmeter zusammen. Manchmal wird übrigens auch geklettert…

Ziemlich hungrig erreiche ich mit dem „Torre“ den zweiten Verflegungspunkt. Neben mir und anderen Sky-Marathonis machen sich auch eine Reihe 90km-Ultras über das Buffet aus Obst, Chips, Nüssen und Kuchen her, die hier – drei Stunden früher gestartet und zum Teil eine andere Route genommen, bereits über 40km in den Beinen haben und noch über 40km vor sich.

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Landschaft der Serra de Estrela

Nach der Verpflegung fühle ich mich weit besser, als zwischen Kilometer 18 und 24, wo mich das permanente Hochgehen- und krachseln schon ziemlich geschlaucht hat. Ab jetzt soll es laut Streckenplan weitestgehend bergab gehen. Tut es auch, aber was das Höhenprofil nicht verrät, ist der Untergrund. Während ich und meine Mitläufer auf dem Anstieg bereits ein paar Altschneereste „gefeiert“ und uns damit haben fotografieren lassen, geht es beim Weg bergab mehrere hundert Meter mitten durch ein zusammenhängendes Schneefeld. Rutschen, schlittern, egal, es macht auf jeden Fall Spaß.

Im Gegensatz zu dem, was einem bei ca. km 26 erwartet. Links Felswand, rechts Schlucht und unter den Füßen ein schmaler Trail aus Steinbrocken. Ja, es mag bergab führen, aber das ist hier gerade doch etwas knifflig, so dass ich das Tempo extrem verlangsamen muss und heilfroh bin, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich flach über nasse Wiesen laufen kann. Bis km 32 komme ich gut voran. Dann heißt es auf 1,5km nochmal 300 Höhenmeter raufzuschieben. Ich brauche, bzw. nehme mir die Zeit dafür, habe aber auch weiterhin ein gutes Gefühl dabei, dass ich das hier heute gut zu Ende bringe. Eine Tafel am letzten Verflegungspunkt verrät, dass es auf den letzten zehn Kilometern nur noch 200 Meter hoch und 800 Meter runter geht.

Finish nach fast neun Stunden

Finish nach fast neun Stunden

Da mir ungefähr bei km 25 der Akku meiner Uhr abgeschmiert ist, die ich clevererweise vorher nicht aufgeladen hatte, weiß ich zwar dank meiner Smartphone-App, die ich daraufhin aktiviert habe, wie weit es noch bis ins Ziel ist. Als ich das aber erreiche, bin ich doch etwas – nun ja – verwundert, dass ich offenbar fast acht Stunden unterwegs gewesen sein soll. Später stellt sich dann sogar noch heraus, dass es fast neun Stunden gewesen sind.

Das war jetzt nicht so schnell, glaube ich. Aber hey, ich war jederzeit im Glauben, dass ich das Ding ins Ziel bringe. Ich bin jederzeit Herr meiner Sinne gewesen, bin ich Ziel nicht weggetaumelt und konnte am nächsten Tag ohne Probleme Treppen steigen. Ich sage mal so, das kommt meinem Anspruch an einen perfekten Lauf ziemlich nahe. Okay, das mit den Treppen am nächsten Tag war Bonus.

Wenn es überhaupt einen Wermutstropfen gibt, dann der, dass ich das Abenteuer Estrela Trail nicht mit meinem Freund Veit erleben konnte, der kurz vor dem Lauf am Knie operiert werden musste und so den kompletten Portugal-Trip verpasst hat. Aber zwei Wochen nach der OP war er jetzt schon wieder acht Kilomter unterwegs. Und auf uns warten sicher noch viele spannende Läufe.

46 Kilomter über Stock, Stein und Schnee. Verrückte Sache. Und eine, die ich noch oft erleben will. Es gibt mir nicht wirklich viel, zehn Kilometer am Anschlag zu laufen. Meine Halbmrathon-Bestzeit im März beim Venloop bin ich eher aus Versehen und durch den Treviso-Boost gelaufen. Und wirklich motiviert, meine Marathon-Bestzeit demnächst auf unter 3h50min zu bringen, bin ich gerade auch nicht.

Das Portugal-Abenteuer war auf jeden Fall ein sensationeller Höhepunkt eines wunderbaren Lauf-Halbjahres. 30Km in Bertlich als Test für Treviso. Dann die Marathon-PB in Italien. Gefolgt von der Halbmarathon-PB in Venlo. Ein anspruchsvoller Halbmarathon in Wuppertal, bei dem ich am Ende platter war als nach allen anderen Läufen. Kurz darauf beim Citylauf in Dinslaken die ca. acht Jahre alte Bestzeit über 10km trotz fehlender Form, womöglich durch die Herausforderung in Wuppertal nur um 20 Sekunden verpasst. Dann zum Auftakt in Portugal  den Trilho das Lampas-Halbmarathon an der Atlantikküste und sieben Tage später den Estrela Trail. Das war schon viel Holz. Und deshalb laufe ich jetzt noch ohne Limitstreben zum Spaß den 20km Sauerland Höhenflug Mitte Juni in Hagen und will dann mal sechs Wochen kürzer treten. Lauf-Sommerferien für Kopf und Beine. Anfang August geht es dann mit neuem Fokus Köln-Marathon weiter. Soll ja eher flach sein am Rhein…

Über Michael (17 Artikel)
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2 Kommentare zu Auf dem Dach Portugals: 46km Estrela Trail Sky Marathon

  1. Congratz Michael, zu so einem souverän nach hause geschaukelten Finish. Imho bist Du das genau richtig angegangen. Lieber eine gute Zeit haben, als sich auf der Hälfte der Strecke fragen, warum man sich das antut. Solltest Du den Estrela noch einmal laufen, kannst Du gerne auf die Zeit von diesem Jahr schielen, aber im Gegensatz zu einem flachen Strassenmarathon sind Trail- und Landschaftsläufe nie wirklich vergleichbar.

  2. Danke Thomas! Der Vergleich mit Treviso war natürlich auch nur Spielerei. Ich hab mich allerdings hinterher schon gefragt, ob die Leistung okay war, wenn man so lange braucht. Hab ich mir dann unter dem Strich mit “ja” beantwortet

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