Wasser kommt, Wasser geht – Treviso Marathon

So sehen Marathon-Finisher aus

Da bin ich nun angekommen am mythischen Kilometer 35. Eine Alpenüberquerung vom heimischen Ruhrgebiet entfernt. In den zurückliegenden Wochen hatte ich fleißig lange Läufe gesammelt und war 72 Stunden vor dem Start nicht in der Lage gewesen, eine Teetasse vernünftig hochzuheben.

treviso5Aber jetzt Kilometer 35. Der „Mann mit dem Hammer“ schlägt unerbittlich zu. Nicht bei mir, aber bei all den Läufern, die den langen Anstieg hoch in Richtung Conegliano am Straßenrand in den Gehschritt übergewechselt sind. Mich ereilen stattdessen zwei Herren mit rosa Luftballons. „4:00“ steht auf den Ballons. Einer ihrer Träger spricht mich an. Ich verstehe kein Wort, aber offenbar will er mir Mut machen. Kurz vorher waren meine Gedanken noch halb verloren, halb in Rechenaufgaben vertieft. „Dran bleiben“ sage ich zu mir. „Das hältst du keine 7km aus“ zweifel ich. So vergeht ein Kilometer und dann kommt mir der Geistesblitz, der womöglich etwas mehr als eine halbe Stunde später für das Happy End sorgen wird.

Es ist Mitte Dezember, kurz vor Weihnachten. Ich bin gerade umgezogen. Habe einen Wald vor der Tür und einen See beim Blick aus dem Fenster vor Augen. Und elf Wochen Zeit, um mich auf meinen zweiten Marathon vorzubereiten. Unsicherheit begleitet mich, nachdem mich eine Sehnenentzündung monatelang zu Pause und anschließendem sehr dosiertem Laufen gezwungen hat. Aber jetzt muss ich die Umfänge erhöhen, wenn ich das große Ziel meiner Laufleidenschaft erreichen will. Einmal einen Marathon unter 4 Stunden finishen. Ich trainiere seriös. Fünf Läufe gehen in den folgenden Wochen über 25km oder mehr. Darunter ein 30km-Testwettkampf mit angezogener Handbremse bei Schneeregen in Bertlich. Die Hausaufgaben sind erledigt, jetzt wartet die Prüfung.

Für Freitag ist der Flug nach Venedig gebucht. Aber ich hab mir bereits den Donnerstag frei genommen, um erholt in den Marathon zu starten. Und dann wache ich auf und liege flach. Wortwörtlich. Mein Körper hat sich abgeschaltet. Der Weg vom Bett auf die Couch ist eine Tortur, der Griff zum Kamillentee eine zu hohe Herausforderung. Es sind noch 72 Stunden bis zum Treviso-Marathon. Ich resigniere innerlich, klage meinen Lauffreuden von den Twitt Runner Ruhr in der WhatsApp-Gruppe mein Leid und bekomme lieb gemeinte aber gefühlt völlig sinnlose Aufmunterungskommentare. „Das wird schon“ – „Leg dich hin“ – „Ruh dich aus“ – Wie soll ich morgen überhaupt in ein Flugzeug steigen? Am Abend leichte Verbesserung und ich traue mich endlich, meinen Freund Veit einzuweihen, mit dem es zusammen nach Italien geht. „80/20 fliege ich mit – 90/10 werde ich nicht starten können“ Immerhin sind die zehn Prozent ausreichend genug, um die Laufschuhe in den Rucksack zu stecken.

Am nächsten Morgen fühle ich mich, als hätte ich nach einer durchzechten Nacht einen schweren Kater. Nur, dass ich seit über zehn Jahren keinen Alkohol mehr getrunken habe.

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Unterwegs auf dem Canale Grande in Venedig

Wir laufen durch die faszinierende Stadt an der Adria. Über Rialto-Brücke und Markusplatz. Am Samstag schippern wir über den Canale Grande. Tapering auf venezianisch. Mir geht es besser. 12 Stunden vor dem Start bekommen wir keine „kalten Füße“ mehr, wohl aber fast nasse. Der Kanal schwappt über und die Straßen laufen voll. Ein beherzter letzter Sprung und wir erreichen noch trocken unser Hotel. Eine halbe Stunde später steht die Straße vor unserem Zimmer komplett unter Wasser.

Sehr früh am nächster Tag. Blick aus dem Fenster. Das Wasser ist zurückgegangen, der Weg frei zum Bahnhof. Am Schalter kaufen wir uns Tickets für den eine Stunde Fahrtzeit entfernten Endhaltepunkt „Conegliano“. Die Stadt in der Region Treviso ist heute Start und Ziel des Treviso-Marathon. 1200 Läufer gehen um 9:30 Uhr auf die 42,195km lange Strecke. Veit und ich sind zwei von ihnen. Nach einem gemeinsamen Kilometer stecke ich zurück. Sein Tempo ist nicht mein Plan. Wir verabschieden uns bis später im Ziel.

Meine Rechnung geht so: Mit einem km-Schnitt von 5:30min will ich mir bis zur Halbmarathon-Marke einen Puffer auf den 5:40min-Split schaffen, der am Ende eine Gesamtzeit von unter vier Stunden bedeuten würde. Nach 1h56min24sec passiere ich die 21,1km-Marke. Ich liege 3½min unter dem Schnitt. Beruhigen tut mich das nicht. Zwar fühle ich mich nicht schlapp, was in Bezug auf meinen körperlichen Zustand drei Tage zuvor an ein Wunder grenzt, aber befreit und locker laufe ich den km-Schnitt von rund 5:30min auch nicht. Kann ein Körper sich innerhalb von 72 Stunden vom Zustand völliger Erschöpfung soweit erholen, dass er einen Marathon laufen kann? Ich zweifel. Aber ich liege immer noch im Plan. Selbst als ich bei km 28 für kleine Läufer in die Büsche muss und am Verpflegungspunkt bei km 30 etwas zu tüddelig die Obst- und Nussauswahl studiere. Faktisch habe ich 1:30min an Puffer verloren, gefühlt meinen Rhythmus. Ich zwinge mich dazu, den Fokus und die Konzentration zurückzugewinnen. Nach drei Stunden schwächeln nicht die Beine, sondern der Kopf. Aber ich berappel mich und ab km 32 beginnt die Überholphase der Zwangsgeher. Am Ende werde ich zwischen km 30 und km 42 über 100 Plätze gut gemacht haben.

Schleichend pirscht sich die Erschöpfung heran, steigt der Gesamtdurchschnitt pro km Sekunde um Sekunde. Und dann laufen sie plötzlich an mir vorbei. Die Jungs mit den rosa Ballons. Und mit Ihnen begrüßt mich das große Zweifeln, die magische 4h-Stunden-Marke am Ende tatsächlich zu unterbieten. Aber ich bleibe erstmal an ihnen dran. Und nach einem Kilometer an ihren Fersen schließe ich nochmal auf und lasse mir ihre Uhr zeigen. Bingo! Sie sind 30 Sekunden vor mir über die Startmatte gelaufen! Ich habe also noch Luft. 30 Sekunden auf den letzten sechs Kilometern eines Marathons können natürlich mit einem gefühlten Wimpernschlag aufgebraucht sein. Aber mir geben sie Hoffnung. Ich muss nicht an den Ballons hängen, ich darf sie nur nicht aus den Augen verlieren. Ab km 38 vergehen die Meter dann wie in Zeitlupe. Ich gucke ständig auf die Uhr. Wie lang 200 Meter sein können. Bei km 40 verschreibe ich mir ein Uhrenblickverbot bis zum nächsten Kilometer. Jetzt bloß nicht verrückt werden. Die Ballons sind gefühlt nur 20/30 Meter vor mir. Das sollte passen.

treviso2Es wartet allerdings noch eine letzte Herausforderung. 700 Meter vor dem Ziel wandelt sich der Boden von glattem Asphalt zu Kopfsteinpflaster inklusive letzter Steigung. Nochmal kurz die Oberschenkel nach Krampfgefahr abhorchen. Alles gut! Und dann laufe ich sogar auf die Ballonläufer auf. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt und lassen 500 Meter vor dem Ziel ausrollen. Ich bedanke mich für ihre Hilfe – ernsthaft, das war so wichtig, einen konkreten Bezugspunkt zu haben -, überhole und laufe im wahrsten Marathon-Finisher-Flow in 3h58min58sec über die Ziellinie. Wahnsinn!

Überraschend treffe ich direkt hinter dem Medaillen-Spalier auf Veit, der nicht die angenehmstenletzten  zehn Kilometer hinter sich hat. Der Mann mit dem Hammer hatte auch ihn bei km 32 erwischt, aber vergeblich versucht, ihn in die Knie zu zwingen. Große Leistung, Veit! Am Abend bestellen wir beide Pizza & Penne im Doppelpack. Was für ein Wochenende! Was für eine Herausforderung! Was für ein Erlebnis!

Gestern bin ich gefragt worden, ob ich gerade im Leben ein besonderes Ziel habe. Nein, hab ich nicht. Ich wollte einmal einen Marathon unter vier Stunden laufen. Hab ich gemacht! Neue Ziele setze ich mir demnächst. Ob sie konkret mit dem Laufen zu tun haben? Ich weiß es nicht. Am Sonntag trifft sich die gesamte Twitt Runner Ruhr-Truppe – Vielen Dank für eure Unterstützung in den kritischen Tagen vor Treviso! – beim Venloop in den Niederlanden. Ich werde den Halbmarathon mitlaufen. Einfach so. Ohne ernsthaften Blick auf die Uhr. Da freue ich mich gerade sehr drauf.

Über Michael (17 Artikel)
"When you´re running, it´s life. Anything that happens before or after is just waiting" ...as Steve McQueen didn´t say

1 Kommentar zu Wasser kommt, Wasser geht – Treviso Marathon

  1. Stark, sehr schön geschrieben! Super gemeinsame Erinnerung :)
    Guter Trick mit der Rechenaufgabe ;-)

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