Schnee, Smaland und Vulkangestein – Meine Top 5-Läufe 2015

Unterwegs auf dem Sörmlandsleden-Trail in Schweden

Mit dem abschließenden Silvesterlauf auf Zeche Zollverein werden 111 Läufe und etwas mehr als 1300 km bis Ende des Jahres zusammengekommen sein. So viel wie nie. War 2015 also mein erfolgreichstes, bestes, bemerkenswertestes Laufjahr? Ich zitiere die alte Weisheit eines Fußball-Aufsteigers: „Das zweite Jahr ist immer das Schwerste.“

Rückblick: Gelaufen bin ich schon während der Studienzeit. Doch erst seit dem vorletzten Frühjahr mit einem besonderen Fokus und vor allem mit einer gesteigerten Leidenschaft. Die habe ich mir bis heute und hoffentlich noch für sehr lange bewahren können, musste aber in diesem Jahr feststellen, dass dir dein Körper mitunter einen Strich durch den Willen macht. Konkret: Die geplanten Marathon-Starts im Frühjahr und Herbst fielen einem hartnäckigen Infekt, bzw. einer Fußverletzung zum Opfer. Wochenlanges Zwangsaussetzen kannte ich bis dato nicht wirklich. Doch jetzt kommt das „aber…“ und es ist ein positives. Auch ohne diese beiden verpassten Highlights habe ich 2015 annährend 130 wunderbare Stunden in Laufschuhen erlebt.

Hier kommen meine Top 5:

V: Meerhardt Extreme

Trail-Debüt

Ich weiß nicht so recht, was ich mir dabei gedacht habe. Kein wirklicher Plan von Trailrunning, die entsprechenden Laufschuhe (zum Glück) noch/erst eine Woche vor dem Start zugelegt, fahre ich Anfang Februar frohen Mutes bei Sonnenschein in Richtung Gummersbach. Vor Ort erwartet mich neben einer familiären Atmosphäre ein 10km mit 300+hm. Auf der Strecke verschwimmen die zeitlichen Relationen im Vergleich zum Flachland und ich wundere mich bei km 7, dass es nochmal bergauf geht. Denn eigentlich bin ich hier schon platt. Das Auf und Ab über Schnee, Eis & Matsch ist eine neue Erfahrung, die mich wirklich auf den Geschmack gebracht hat.

IV: Mittenwald/Hoher Kranzberg

kranzberg

Am Ferchensee auf dem Rückweg ins Tal

Anfang September bin ich körperlich und geistig nicht wirklich auf der Höhe. Erstens gestresst und definitiv urlaubsreif und zweitens trag ich seit sechs Wochen meine entzündeten Füße mit mir herum, die einen Start beim gemeldeten Münster-Marathon unmöglich machen.

Ich verzichte auf die Brechstange und konzentriere mich darauf, Ende des Monats im Urlaub auf Fuerteventura wieder belastbar zu sein. Vorher geht es noch ein paar Tage zu einer Freundin nach Dachau, von dessen Schlossgarten aus man die Alpen sehen kann. Da muss ich hin! So schnappe ich mir nach zwei Tagen ihr Auto und breche nach Mittenwald auf. Ich habe eine Strecke recherchiert, die einerseits die insgesamt vier Stunden Autofahrt rechtfertigt und andererseits mein Fitness-Level nicht übersteigt. Meine Wahl fällt auf den Großen Kranzberg, der für die Alpen nicht so wirklich groß ist, aber von der erwarteten Dauer ins Beuteschema passt.

Mehr im Geh-, denn im Laufschritt auf dem höchsten Punkt angekommen, bietet sich mir ein wunderbares Panorama. Über rund drei Kilometer Downhill geht es zurück ins Tal und vorbei an zwei Seen in Richtung Mittenwald. Ich kann mein Ziel, den Bahnhof, bereits sehen, als ich im Ortskern beim Versuch ein paar Touristen auszuweichen an einem Bordstein umknicke. Da sitze ich nun am Bahnhofsbrunnen und schüttelte den Kopf, dass ich schadfrei den Berg runtergepaced bin und dann an einer Asphaltkante umknicke. Wie sich aber anschließend herausstellt, komme ich mit dem Schrecken und einer leichten Bänderdehnung davon.

III: Rund um die Aggertalsperre

agger4

Talsperren-Skyline

Mitte April sitze ich abends beim Japaner und horche beim Sushi in mich hinein. Wie sieht es aus mit dem Elendsgefühl? Ein hartnäckiger Infekt hatte rund sechs Wochen zuvor jegliche Energie aus mir gesogen. Der geplante 10km-Lauf in Dinslaken als Warm-Up im März für einen Frühjahrsmarathon fiel ebenso flach wie die anvisierte Langdistanz. Aber den Halbmarathon um die Aggertalsperre will ich nicht verpassen. Zu einladend sind die Bilder des Landschaftslaufs auf der Webseite. Schließlich fälle ich eine Entscheidung: Hinfahren und loslaufen. Da die Strecke über zwei Runden geht, gelobe ich mir, dass ich zur Hälfte aussteige, wenn der Akku mehr nicht hergibt. Aber es läuft gut. Und das Drumherum mit Gewässer und Wald ist ganz nach meinem Geschmack. Das Teilnehmerfeld ist überschaubar und laufe ich nach einer Weile relativ für mich alleine. Ich setze mir nach drei Kilometern ein Zeitziel und erreiche es schließlich auch. Gute Entscheidung. Vier Wochen später laufe ich über die selbe Distanz beim Vivawest in Gesenkirchen sogar neue persönliche Bestzeit. Der Sommer kann kommen.

II: Running Sweden

Norra Kvill Nationalpark

Wie läuft es sich in Schweden? Diese Frage beantworte ich mir im Vorfeld nur unzureichend, als ich Mitte Juni zum Road-Trip in den Norden aufbreche. Denn die Trailschuhe bleiben zu Hause, weil ich im naiven Glauben an flache Streckenprofile durch Wälder denke. Weit gefehlt.

Was ich aber vor allem erst vor Ort feststelle, dass Südschweden über ein sensationelles Fernwanderwegenetz verfügt. Klasse ausgezeichnet und im besten Fall mit Rundkursoption. Neben dem technisch anspruchsvollen Norra Kvill Nationalpark und dem vom Regen durchgeweichten Bergslagsleden-Trail in der Nähe von Örebro begeistert mich vor allem Sörmlandsleden-Trail in Nävekvarn südlich von Stockholm. Ab und zu heißt es kurz krackseln, dann wieder windet es sich wunderbar durch das Walddickicht. In Stockholm wiederum lässt es sich immer am Wasser entlang mit nur einer Ampel einmal um die Insel Södermalm laufen und in Göteborg eröffnet sich direkt hinter dem Botanischen Garten ein super Naturschutzgebiet. Am Ende sind es inklusive der Hin- und Rückreisestopps Fehmarn und Kopenhagen neun Läufe an neun verschiedenen Orten in zwölf Tagen. Hatte ich mir im Leben nicht erträumt, dass der Urlaub soviel läuferische Möglichkeiten in all ihrer Vielfalt bereit hält.

I: Fuerte Coast to Coast

fuerte2

Auf dem Weg zum ersten Gipfel

Im Frühling treffe ich mich mit Freunden, um unseren traditionellen Herbsturlaub zu planen. Unsere Wahl fällt schließlich auf Fuerteventura. Soweit so unspektakulär. Am nächsten Morgen allerdings blättere ich durch das Trail-Magazin und stoße am Ende eines Artikels über eben Fuerteventura auf ein Datum, 26. September. Der Tag unserer geplanten Abreise. Ein paar Emails später steht die Entscheidung fest. Wir fliegen einen Tag später zurück und „Fuerte Coast to Coast“ kann kommen. Beziehungsweise die 20km-Variante, denn die Marathon-Distanz von „Küste zu Küste“ traue ich mir aufgrund der Höhenmeter und erwarteten Temperaturen auch im gesunden Zustand nicht zu. Die folgenden Monate sind im Laufe des Artikels bereits zusammengefasst. Ein großartiger Früh- und ein ernüchternder Spätsommer.

Seit zwei Monaten bin ich aufgrund genannter Fußverletzung keine 20km-Distanzen mehr gelaufen. Die Einheiten seit Anfang September und meine Fitness vor der Verletzung lassen mich auf Fuerte dennoch optimistisch an den Start gehen. Zumal mein Mitstreiter Veit und ich vorab beschließen, den Lauf zusammen zu bestreiten. Da wir nicht wirklich wissen, was uns auf der Strecke erwartet, gehen wir das Ganze zurückhaltend an. Die ersten zehn Kilometer sind die Anstiege überschaubar und lediglich die Hitze macht uns zu schaffen. Dann geht es vom Meeresspiegel aus steil bergauf auf 200 Meter.

Der vulkansteinige Untergrund bereitet einer Läuferin mit offenbar selbstunterschätzer Höhenangst große Probleme und wir stoppen mehrfach, um sie und ihren Freund bei kniffligen Passagen zu unterstützen. Ein anderes Paar wiederum wird ohne es zu wissen zu unserer persönlichen Motivationsspritze. Er sprintet mehrfach an uns vorbei, um schicke Fotos von ihr zu machen. Sie klettert kommentarlos an uns vorbei, als wir der Läuferin mit Höhenangst an einer engen Geröllstelle auf dem Single-Trail-Anstieg Hilfe via körperlicher Absicherung leisten.

fuerte

Im Ziel! …wir waren zwar nicht die Schnellsten, über sieben Stunden brauchten wir für unsere 20km aber dann auch nicht, sondern so lange waren zum Zeitpunkt des Fotos die 90km-Ultraläufer unterwegs.

Veit und ich sind uns einig: wir wollen vor dem „Knips-Duo“ im Ziel sein. Und so gucken wir bis ins Ziel nicht wie sonst auf die Uhr, sondern auf das Pärchen, das mal vor, mal hinter uns liegt. Gleichzeitig genießen wir es auf den beiden Bergrücken der zweiten Rennhälfte zu laufen, während sich rechts von uns der weite Atlantik präsentiert. Zurück auf Meeresspiegel-Niveau geht es noch über den Golfplatz des Las Playitas-Resorts, ehe wir das Ziel erreichen. Ja, sogar vor unseren vermeintlichen Rivalen oder besser gesagt Motivatoren, mit denen es später am Buffet ein freundschaftliches Abklatschen gibt.

Das Beste an der ganzen Veranstaltung war allerdings weder die Zeit, geschweige denn eine Platzierung noch die Umgebung. Das Beste war mit einem Freund zusammen gelaufen zu sein, sich gegenseitig angespornt, wenn es nötig wurde auch zurückgehalten und sogar aufeinander gewartet zu haben. Das bleibt. Mal sehen, was der morgige Silvesterlauf in Essen und das neue Jahr mit sich bringen…

Die Anmeldungen für den Treviso-Marathon Anfang März mit Veit und den Venloop-Halbmarathon zwei Wochen später mit den wunderbaren Menschen der Twitt Runner Ruhr, über deren Gründung in diesem Jahr eigentlich nochmal ein ganz eigener Artikel fällig wäre, sind jedenfalls schonmal raus.

Guten Rutsch & viele gesunde Läufe!

Über Michael (17 Artikel)
"When you´re running, it´s life. Anything that happens before or after is just waiting" ...as Steve McQueen didn´t say

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*