Vivawest-Halbmarathon: “Läufer sind Läufer – egal in welcher Zeit”

Vor dem Start des Halbmarathon

Willkommen im Ruhrgebiet. Der Vivawest-Halbmarathon ist wenige Kilometer alt, da sehe ich sie aus ihrem alten Zechenhäuschen gucken. Omma, Oppa und Hund haben es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und schauen sich skeptisch das Getue vor ihren Augen an: „Kerl, watt ist bloß mit all die Bekloppten los“, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Ich schmunzel kurz und verliere sie im nächsten Moment aus dem Blick. Jawoll, datt hier ist Heimat.

Anfang März hatte ich mich tierisch geärgert, als sich Düsseldorf-Marathon-Veranstalter Jan Henning Winschermann im Spiridon-Magazin das mangelnde Interesse an seinem Lauf im Norden und Süden des Landes mit den Worten erklärte: „Die meinen wohl, Düsseldorf ist Ruhrgebiet.“ Eine billigere Ausrede war gerade nicht zur Hand, oder was? Für mich war in dem Moment jedenfalls klar, dass im Frühjahr nicht am Rhein, sondern erst recht im Ruhrgebiet gestartet wird. Ein hartnäckiger Infekt im März ließ die Marathon-Distanz illusorisch erscheinen, aber „der Halbe“ sollte drin sein. Dass ein paar Lauffreunde der Twittrunner Ruhr sowie weitere virtuelle 140-Zeichen-Bekanntschaften ebenfalls ihr Kommen ankündigten, war zusätzliche Motivation.

Twittrunner Ruhr & Friends

Twittrunner Ruhr & Friends

Und so verabreden wir uns vor dem Halbmarathon zum gemeinsamen Gruppenfoto, was Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen wird. Denn bis wir alle mal in Reih und Glied zusammen kommen, fließt die Zeit dahin, der Gepäckbeutel ist noch nicht abgegeben und zwanzig Minuten vor Beginn schließt offiziell der erste Block. Zusammen mit Twittrunner Christian hetze ich zickzack durch die Menge und gelange noch rechtzeitig in den vorderen Startbereich. Tatsächlich euphorisierender Kirmespop pusht die Läufer beim Warten und Olympiasieger Jan Fitschen weist im Interview nochmal darauf hin: „Läufer sind Läufer – egal in welcher Zeit.“

Tja die Sache mit der Zeit… Mich kann man ja jagen mit Trainingsplänen – also in dem Sinne, dass ich zu dem Typ Läufer gehöre, der sich darauf nicht einlassen will.Ich simulierte in der vorletzten Woche vor dem Vivawest mit 4 x 1000m, 2 x 2000m und einem forcierten Tempodauerlauf eine Art von Training. Das musste dann aber auch reichen. So gehe ich mit dem betont zurückhaltenden Plan auf die Strecke, dass es unter 1:48h werden sollen. Ob Sub 1:45h drin, na mal sehen.

Da die Brems-/Zugläufer mit den 1:45h-Ballons sich beim Warten direkt vor mir einreihen, orientiere ich mich auf den ersten beiden Kilometern an ihnen. Dann wird es mir etwas wuselig und ich setze mich vor sie mit der Devise zunächst ein paar Meter Puffer zu schaffen, von dem ich dann später zehren kann. So geht es vorbei an der eingangs erwähnten Gelsenkirchener Barock-Nachbarschaft in Richtung Zollverein. Auf die Kulisse um die Weltkulturerbe-Zeche hab ich mich im Vorfeld am meisten gefreut und werde nicht enttäuscht. Vor allem der Abschnitt entlang der ehemaligen Kokerei sorgt für echtes Pott-Gefühl.

Drei Tage später bekommt das Erlebnis nachträglich einen faden Beigeschmack, als bekannt wird, dass am gleichen Wochenende ein Treffen von homosexuellen Jugendlichen auf dem Gelände unter fadenscheinig Begründungen „…Veranstaltungen eine Absage zu erteilen, die darauf zielen, Zollverein als Plattform für politisch und weltanschaulich motivierte Meinungsäußerungen zu nutzen“ und „Das Unesco-Welterbe ist ein weltoffener Ort, der auch von vielen Familien und Kindern besucht wird. Da wir bemüht sind, allen Besuchern einen ungestörten Besuch des Welterbes zu ermöglichen, kann die Stiftung Zollverein die beschriebene Aktion leider nicht genehmigen.“ verweigert worden war. Heißt: Ein paar Teenager mit Luftballons könnten Familien mit Kindern stören, 5000 Läufer und hunderte lautstarke Unterstützer an der Strecke dagen nicht? Wie reaktionär kann man sich anstellen? Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen ihre bornierte Haltung selbstkritisch reflektieren und sich in Zukunft anders verhalten werden.

Marathon-Sieger Matthias Graute

Marathon-Sieger Matthias Graute

Zurück zum Lauf. Was mich während der Industriekultur-Show ab Kilometer 6 mehr und mehr zu beschäftigen beginnt, ist meine Blase. Um sie habe ich mich aufgrund des Zeitstress vor Beginn länger nicht mehr gekümmert, was sich jetzt bemerkbar macht und mental für mehr und mehr Stress sorgt, da ich bis hierhin noch nie während eines Wettkampfs eine Pipi-Pause gemacht habe. Argumente: Das kostet doch Zeit, bringt mich aus dem Rhythmus usw. – Für einen kurzen Moment vergesse ich mein Druckproblem, als ich am Getränkestand den dämlichen Fehler begehe, im Laufschritt einen tiefen Schluck Wasser zu trinken. Ich verschlucke mich ordentlich, huste wie ein Kettenraucher und habe schlechte Laune.

Was soll der Quatsch? Wenn es mir doch eigentlich darum geht, das Flair eines Laufs zu genießen und nicht wer weiß welche Bestzeit aufzustellen, dann sollte ich gefälligst in Ruhe trinken und etwas an meiner Blasensituation ändern. Auf der Trasse in Richtung Nordsternpark bin ich kurz vor Kilometer 11 endlich einsichtig und springe in den Graben. Ca. 30 Sekunden später kehre ich zurück auf die Strecke und die Laune bessert sich ein wenig, wenngleich ich nun natürlich damit hadere, dass die halbe Minute Pause ja hinterher unnötig gewesen sei. In dieser Zeit ist Christian an mir vorbeigelaufen, was sich wiederum auf den nächsten acht Kilometer als Glücksfall herausstellen wird. Denn knapp 50 Meter vor mir gelegen, ist er ein hervorragender Orientierungspunkt.

Die Kilometer-Zeiten sind stabil um 4:50min, was mein Polster auf die 1:45h-Grenze stetig steigen lässt. Dass ich hier gerade nun wirklich keine Bummeleinheit bestreite, merke ich konkret bei Kilometer 15. Twittrunner Matthias, der wenig später genauso wie TRR-Mitstreiter Sebastian in Gelsenkirchen seinen ersten Marathon finishen wird, hatte im Vorfeld auf die Kopfsteinpflaster-Passage am Nordsternpark hingewiesen. Ich hatte ihn dafür etwas belächelt. So ein bisschen Trail könne ja jetzt nicht so schlimm sein. War es zwar auch nicht, aber angenehm – da muss ich Matthias nachträglich Recht geben – ist auch anders. Vor allem in Verbindung mit der gegebenen Steigung. Es folgen viele Menschen, Grillgeruch und eine kleine Kollision vor mir. Ich bin nochmal ein, zwei Minuten leicht genervt, ehe ich wieder in meinen Flow komme und Meter für Meter auf Christian gut mache.

Persönliche Bestzeit!

Persönliche Bestzeit!

Bei Kilometer 19 schließe ich zu ihm auf und schlage vor, gemeinsam ins Ziel zu laufen. Kurz vor Schluss allerdings noch ein gleichmäßiges Tempo zu finden, ist dann aber auch wieder mit Stress verbunden und Christian erteilt mir die Absolution zum Vorauslaufen. Ich wäre super gerne mit Christian zusammen ins Ziel gelaufen, wollte aber gleichzeitig sicher unter 1:43:xx bleiben, was irgendwann tatsächlich realistisch war, weil ich den 4:50er-Schnitt kontinuierlich aufrecht erhielt. Am Ende finishen wir beide mit nur fünf Sekunden Abstand unter 1:42:30h. Die Weitsicht dafür hatte ich aber bis kurz vor der Ziellinie nicht. Egal, wir freuen uns beide ebenso über neue persönliche Bestzeiten, wie die Twitter-Bekannten Michael und Frederic.

Letzteren treffen wir nach dem Duschen wieder und feuern die gemütlichen Walker, 10km-, Staffel-Läufer und Halbmarathonis an. Dann kommt Matthias, also nicht unser Matthias, sondern Graute mit Nachnamen, der mit reichlich Abstand auf den Zweitplatzierten in 2:29:50h finisht. Respekt! Wir decken uns am Kiosk mit Wasser ein, hören Gerüchte von einem Zwischenfall und spazieren bis zur 41km-Marke. Da über den Startnummern der Vorname jedes Teilnehmers steht, kann man diese beim Anfeuern ganz direkt ansprechen. Je nach Gemütszustand mit 20 oder 41 Kilometern in den Beinen, freuen sich die Leute oder sind leicht genervt. Ich glaube, die meisten freuen sich. Was wir beim Warten auf unsere Twittrunner nicht wissen, Sebastian und Matthias sind erst mit der zweiten Welle gestartet. Wir grübeln, dass einer oder beide irgendwo einen Einbruch gehabt haben müssen, als ihre hochgerechnete Durchgangszeit länger und länger überschritten ist. Dann kommen sie endlich und wir schicken sie mit guten Wünschen auf ihre letzten 1000 Meter. Frederics Vorschlag, sie bis zum Ziel zu begleiten, wurde vorher zum Glück mit 2:1-Stimmen abgelehnt. Wir haben Feierabend!

Vor den Umkleiden treffen wir die beiden Marathon-Novizen zum Gratulieren, ehe es entspannt nach Hause geht. Erst dort erfahre ich, dass der angesprochene Zwischenfall den Tod eines Halbmarathon-Läufers bedeutet hat. Trauer mischt sich unter die Glücksgefühle eines ansonsten wunderbaren Laufsonntags und schlägt später noch in Wut um, als der WDR in seiner Marathon-Reportage den am Boden liegenden Läufer zwar aus der Ferne aber deutlich sichtbar zeigt.Warum diese Bilder?

Positiv in Erinnerung bleibt letztlich eine klasse organisierte Veranstaltung, eine neue persönliche Bestleistung und vor allem der persönliche Austausch mit Christian, Matthias, Sebastian, Frederic und Michael. Spezieller Dank an Sebastian fürs Mitnehmen und an Christian für den laufenden Fixpunkt.

Weitere Erfahrungsberichte:
Twittrunner Matthias
Twittrunner Sebastian

Über Michael (17 Artikel)
"When you´re running, it´s life. Anything that happens before or after is just waiting" ...as Steve McQueen didn´t say

2 Kommentare zu Vivawest-Halbmarathon: “Läufer sind Läufer – egal in welcher Zeit”

  1. Hi Michael, toller Bericht! Ihr habt ja auch auf eurer Strecke eine Menge erlebt. Glückwunsch zu der klasse Zeit! Und nächstes Mal nicht so viel ägern auf der Strecke! ;-)
    Danke fürs Anfeuern mit Christian und Frederic vor dem letzten Kilometer. Das hat wirklich gut getan.

    Beste Grüße,
    Matthias

  2. Ein toller Bericht! Glückwunsch noch einmal zur (unerwarteten) Bestzeit – hat doch auch ohne systematisches Training hervorragend geklappt.

    Cheers
    Sebastian

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