“Rund um die Aggertalsperre”: Eine Geschichte vom Laufen & Klatschen

Laufen oder nicht laufen, das ist hier die Frage… Es ist Freitagabend und ich fühle mich „bäh“. Genau genommen fühle ich mich seit sechs Wochen „bäh“. Ein verschleppter Infekt hat sich Mitte März mit Inbrunst zu Wort gemeldet und begleitet von einer Antibiotika-Kur für die nächsten zwanzig Tage nicht mehr ans Laufen denken lassen. Die sich daran anschließenden drei Wochen geht’s es mal besser, mal schlechter und regelmäßig „bäh“. In Laufkilometer ausgedrückt bedeutet das relativ schmale 50 Kilometer.

Das Ding ist, dass ich Anfang des Jahres folgenden Plan geschmiedet hatte, der da hieß zwölf Wettkämpfe in zwölf Monaten. In jedem Monat einer. Los ging es mit dem Neujahrslauf in Dortmund, gefolgt vom Meerhardt Extreme im Februar. Doch dann platzt der Infekt heraus und die Anmeldung für den Citylauf in Dinslaken endet im Startverzicht. Das Thema Frühjahrs-Marathon erledigt sich gleich mit. Beides nehme ich zunächst locker. Schließlich hatte ich – nicht zuletzt dank des Laufens – in den letzten zwölf Monaten nicht mal einen Schnupfen und so ein gesundheitlicher Nackenschlag kann nun mal passieren.

Schlechte Laune bekomme ich erst mit der Zeit. Im Anschluss an den Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf an Karfreitag ist der Körper direkt wieder fix und alle. Nach 6,5 km ohne Zeitmessung hätte ich damit nicht unbedingt gerechnet. Ich setze nochmal eine Woche aus. Die folgenden Läufe über zwölf und 14 Kilometer verpacke ich ganz gut und die Hoffnung steigt, dass es doch noch was wird mit dem 18 April.

agger6Denn auf diesen Tag habe ich mich schon seit den ersten Wettkampf-Planungen Anfang des Jahres gefreut. 21 Kilometer rund um die Aggertalsperre in Gummersbach. Eine Stunde vor Ablauf der Voranmeldefrist melde ich mich an. Mehr aus Trotz über das fortwährende Zwicken und Zwacken, denn aus läuferischer Vernunft. 50 Kilometer in drei Wochen bzw. insgesamt sechs Wochen sind faktisch nicht die optimale Halbmarathon-Vorbereitung. Die Beantwortung der Frage „Laufen oder nicht laufen“ verschiebe ich auf den Samstagmorgen. Ich schlafe gut, die Sonne scheint und wo ich mich gerade einmal halbwegs fit fühle, geht’s guter Dinge nach Gummersbach. Um es vorweg zu nehmen: die Anfahrt, die Entscheidung pro Start, einfach alles wird sich an diesem Tag als richtig erweisen.

Eineinhalb Stunden vor dem Lauf hole ich meine Startnummer ab und lege mich zu anderen Teilnehmern in die Sonne. Keine Hektik, kein Stress, alles und alle wirken an diesem Mittag unglaublich entspannt. Nach und nach begeben sich Läufer der einzelnen Distanzen auf die Strecke. Der letzte Startschuss geht an uns Halbmarathonis. Im Vorfeld musste ich mir selbst aufgrund der fehlenden Fitness zwei Dinge versprechen: 1. nicht am absoluten Limit laufen 2. jederzeit aussteigen, wenn der Körper signalisiert, dass er das gerade nicht verpackt. Und so laufe ich einfach los. Unglaublich, wie „befreiend“ so eine Haltung sein kann.

Klar geht man nicht in jeden Wettkampf mit dem Ziel „Persönliche Bestzeit“ und ich bin von den Zeiten her grundsätzlich im Niemandsland der Platzierungen zuhause, aber irgendein Ziel setzt man sich ja vorher doch. Generell ist es ja auch ein probates Mittel, die eigenen Reserven zu kitzeln, indem man versucht, an schnelleren Läufern zumindest eine Zeitlang dranzubleiben und entstehende Lücken wenn möglich zuzulaufen. Heute aber nicht. Ich laufe einfach, laufe, laufe, laufe und gucke nach einem Kilometer auf die Uhr. 4:58min. So ein Quatsch, denke ich mir. Viel zu schnell.

Dazu muss ich sagen, dass ich meines Wissens noch nie einen Halbmarathon mit im Schnitt unter 5 Minuten gefinisht habe. Im letzten Jahr bin ich am Kemnader See 1:45h irgendwas gelaufen. Die genauen Zeiten der beiden Starts während meines Studiums liegen auf einer ausgemusterten Festplatte und bewegen sich ebenfalls so ca. im 1:45er-Rahmen. Egal.

agger4Ich laufe weiter über die extra für uns Läufer gesperrte Landstraße direkt am See entlang. Eine höchst seltene Gelegenheit. Denn normalerweise musst du in diesem Bereich der Talsperre auf dem Bürgersteig laufen, der nicht direkt am Wasser sondern auf der anderen Straßenseite verläuft. 5:11 / 5:11 / 5:10min lauten die nächsten Kilometer. Ich fühle mich gut und fange an zu rechnen. Es dauert ein paar hundert Meter und der Plan ist gefasst. Michael, laufe mal in etwa in dem Tempo weiter und gucke, ob es für eine Zeit unter 1:50h reicht.

Bei rund 160 Startern verstreut sich das Teilnehmerfeld sehr schnell und ich  genieße es, abgesehen von ein paar wenigen Überholungen alleine zu laufen. Ich kannte die Aggertalsperre vorher nur von Bildern und bin hin und weg von der Idylle im Bergischen Land. Eine wunderbare Panorama-Strecke. Ohne Frage die bisher schönste Landschaft, die ich bis dato in einem Wettkampf durchlaufen bin. Immer nah am Wasser und an der anderen Seite von Wald umgeben. Auf jeden Fall auch für eine Freizeitrunde geeignet, selbst wenn diese zwischendurch knapp zwei Kilometer parallel zur Landstraße verläuft. Sogar an einem Samstag bei schönem Wetter hast du anders als zum Beispiel an den großen Seen im Ruhrgebiet (Baldeney-, Phönix-, Kemnader-) hier kaum Spaziergänger, Radler und aufgrund der teilweise profilierten Strecke gar keine Inliner.

agger1Nach gut einer Stunde erreiche ich das Ziel, bzw. fast. Denn dies ist nach ca. elf Kilometern erstmal nur Durchlaufstation. „Nur noch eine Runde“, bekomme ich eine typische Läufermotivation mit auf den Weg gegeben. Womit ich zum zweiten herausragenden Element von „Rund um die Aggertalsperre“ kommen möchte.

Grundsätzlich mag nicht so gerne Trubelläufe durch die Stadt mit tausenden Teilnehmern, zehnmal so vielen Zuschauern mitsamt Trommelchören. Andere motiviert so ein Szenario, für mich ist es ab und an okay, aber eigentlich hab ich es am liebsten abgeschieden. Dann nehme ich den Lauf viel intensiver und bewusster wahr. Was ich aber klasse finde, wenn die vielen freiwilligen Helfer der LG Gummersbach, ohne die so eine Veranstaltung gar nicht stattfinden kann, dir nicht nur Wasser und Bananen reichen oder die Richtung vorgeben, sondern extra klatschen, wenn du vorbei kommst. Mir läuft es gerade beim Schreiben nochmal wohlig den Rücken herunter, wenn ich Tage später an dieses Gefühl vom Wochenende zurückdenke.

Hundert Meter vor und hinter dir kein anderer Läufer, du gelangst irgendwo im Wald zu einer Abzweigung und bekommst wie wahrscheinlich alle anderen auch einen herzlichen Applaus und ein paar nette Worte mit auf den Weg. Das Ganze wird dann auf den letzten zwei Kilometern sogar noch gesteigert. Denn die Mehrzahl der 10km-Läufer ist schon eine Weile im Ziel und infolgedessen zum Teil auf dem Weg zu ihren Autos, als wir „Halben“ die letzten Kilometer in Angriff nehmen. Und was machen die „Finisher“, als sich unsere Wege kreuzen: sie klatschen! Wenn ich das hier so runterschreibe, klingt das nachträglich irgendwie banal, aber dieser Spirit ist es, der die Lauffamilie ausmacht. Wir kennen uns nicht, aber uns alle eint die die Liebe an der Bewegung und dafür zollen wir einander Respekt. Ganz egal, ob wir als Erster oder Letzter ins Ziel kommen.

An der Aggertalsperre kann ich dieses Gemeinschaftsgefühl in vollen Zügen genießen, denn auf den letzten 2000 Metern habe ich ausreichend Puffer bis zur 1:50h-Marke und sowieso ist die spontane Zielsetzung zwar gut zur Orientierung, wird aber auch nicht so ultraernst verfolgt. Sonst hätte ich mir wahrscheinlich nicht mitten im Rennen zweimal die Zeit genommen, um anzuhalten und ein Foto zu machen. Am Ende finishe ich in 1:49:40h.

Auf dem Weg zum Parkplatz kommen mir noch ein paar Läufer auf ihren letzten 500 Metern entgegen. Zeit für mich zu klatschen.

Über Michael (17 Artikel)
"When you´re running, it´s life. Anything that happens before or after is just waiting" ...as Steve McQueen didn´t say

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